milk, milk, milk


Haben Sie sich schon einmal mit Kühen beschäftigt?

Laudatio von Dr. Brigitte Arend

Möglicherweise fragen Sie zurück: WOZU?
Vielleicht, um etwas Neues zu sehen, Bekanntes einmal anders zu erleben, um zu staunen, um zu lachen.
Und weil sich Franz Riegel seiner Region mit ihren Kühen widmet und der Milch. Franz Riegel lebt in der Mecklenburgischen Schweiz. Informationen, die der Lebensort oder seine Wahlheimat ihm darbietet, sei es ein Zeitungsbericht über den Kampf der Milchbauern um angemessene Preise, sei es das Gewahrwerden einer Kuhherde auf der Weide am Rande seines Dorfes, löst einen Synapsensturm in seinem Gehirn aus: Bekanntes verbindet sich mit passenden und mit unpassenden Informationen.

In der hier gezeigten Serie milk, milk, milk werden wir damit konfrontiert, dass ein Lebensmittel zur Ware verkommt, die billig sein soll, zu einer Ware, deren Produktionsbedingungen uns egal sind. Milch und Kuh gehören nicht mehr zusammen. Milch kommt als Industrieware aus dem Supermarkt. Franz Riegel bringt die Kuh wieder ins Spiel und zeigt, dass sie es ist, die die Milch hergibt: Le Lait c’est moi – Die Milch bin ich! Er entwickelt aus seinen Porträtfotografien von Kühen Bilder, die das Unverwechselbare, den Charakter der Kühe, ihr Gesicht, also ihre Individualität herausarbeiten.

 Daneben zeigt er Objekte, die an Industrieware erinnern. Franz Riegels Milchtüten aber sind verblüffend anders. Sie verwirren, sind surreal. Sie zeigen die Wirklichkeit hinter der sichtbaren Wirklichkeit. Er versieht die Tetra Pack- Milchtüte mit dem Porträt der Kuh, die die Milch hergegeben hat und rekonstruiert damit unsere Beziehung zum Lebensmittel. Er ersetzt die gemalte Idylle der Alditüte durch ein neues, irritierendes Bild, etwa, wenn er die Milchtüte mit einem überdimensionalen Euter bedruckt. Die Sache hat plötzlich vier Seiten – man kann sie drehen und wenden, wie man will, was neue Assoziationen auslöst.

Die Kuh in Franz Riegels milk, milk, milk – Serie hat Würde. Sie legt sich zu Füßen des Sonnenkönigs, umgeben von Goldtressen, Hermelinumhängen und Höflingen. Aber sie hat keine Chance: Der Monarch, der Sonnenkönig von heute, die kapitalistische Warenwirtschaft, ist stärker: L’ etat c’est moi! Die Kuh geht unter, man sieht sie kaum, das Dekorative, die Symbole für Reichtum und Verfügbarkeit fallen stärker ins Auge. Nur für einen Moment – im Kontrast zum blank geputzten Spiegelsaal in Versailles – wird sie gesehen. Die Höflinge wollen die Milch trinken, aber nicht an die Kuh denken. Ware sollte sauber sein, uns nicht mit verpflichtenden Assoziationen belästigen. Die Kuh verlässt den Spiegelsaal, schleicht sich auf die Milchtüte und blickt den Betrachter an: empört, verletzt, grinsend, ängstlich oder mit einem Augenzwinkern…. L’ art c’ est moi!

Milchvieh

Schlachtvieh