Border Lines


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Es genügt nicht, die Welt zu verändern. Das tun wir ohnehin.
Und weitgehend geschieht dies sogar ohne unser Zutun.
Wir haben diese Veränderung auch zu interpretieren.
Und zwar, um diese zu verändern.
Damit sich die Welt nicht ohne uns verändere.
Und nicht schließlich in eine Welt ohne uns.
Aus: Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen. Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution, München: C.H. Beck 1956.

 

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von Dr. Brigitte Arend

Bei Franz Riegel geht es dieses Mal um Schweine. Es hätten auch Atomkraftwerke oder Landminen sein können. Es geht zugleich um Grenzen und um Mauern und um verschlossen gehaltene Türen. Es geht auch um die punktuelle Aufhebung von Dissoziation. Es geht um die Gratwanderung, welche die Frage „Wie wollen wir unter den Bedingungen aller möglichen Möglichkeiten leben?“ abverlangt.

Prometheische Scham

Franz Riegels border lines (Grenzlinien) zitiert aus seinem Prozess der Erfahrung und Reflexion von Entfremdung und Dissoziation in der gesellschaftlichen und persönlichen Realität. Ausgangspunkt seiner künstlerischen Arbeiten in der Reihe border lines ist ein Gefühl, in dem es um das von Günter Anders so benannte „prometheische Gefälle“ und die damit verbundene „prometheische Scham“ geht: Der Mensch erlebt eine tiefer werdende Kluft, ein Gefälle zwischen den Möglichkeiten der fortschreitenden Technik und seinem Unvermögen, die Folgen dieses sich teilweise verselbständigenden Prozesses zu kontrollieren. Dabei werden die zerstörerischen Folgen der technologischen und gesellschaftlichen Entwicklung weitgehend aus dem Bewusstsein entfernt, geleugnet, abgespalten. Aber auch die Bewertung dem Produktionsprozess innewohnender ethischer Normen entzieht sich leicht und aus Scham dem Bewusstsein und der Erfahrung, weil dieser sich hinter der „Grenze“ des Sichtbaren abspielt.

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Die industrielle Vernichtungsmaschine

Zunächst verblüfft, dann bestürzt, vielleicht beschämt sehen wir in dieser Ausstellung Schweine. Zwei Erfahrungen haben Riegels aktuelles Projekt befördert, zum einen die Beobachtung von Menschen in der Region, die andernorts bereits ausgestorbene Formen der Selbstversorgung betreiben, in dem sie Hühner, Gänse und eben auch ein Schwein halten und schlachten. Zum anderen die Ankündigung des Agrarministeriums, Fleischproduktionsanlagen mit einer Anzahl von – unvorstellbaren – 30.000 Tieren zu genehmigen. Das Produkt Fleisch ist als Resultat der technologischen Entwicklung im Bewusstsein der Konsumenten von der Kreatur, deren Teil es war, vom Produktionsprozess, der industriellen Vernichtungsmaschine und deren Implikationen getrennt worden. Das Stück Fleisch ist für die meisten Menschen heute ein leckeres Nahrungsmittel aus dem Supermarkt. Die Mastanlagen und Schlachthöfe werden schamhaft abgespalten.

Fotografie ist Abbild und Konstruktion der Wirklichkeit zugleich: Im Falle des border lines Projektes von Franz Riegel eröffnen die Abbilder und deren künstlerische digitale Komposition einen Blick auf eine verborgene gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, die Nahrungsmittelproduktion. Sie machen zugleich die darin wirksame Dissoziation des Bewusstseins sichtbar.

 

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Ökonomie von Masse und Raum

In mehreren Bildern hat Franz Riegel sich mit der Ökonomie von Masse und Raum beschäftigt. Verschiedene Flächen werden unterschiedlich gefüllt.
Als amorphes Gewühl, in militärisch akkuraten Clustern angeordnet, als unendliches Raster geklonten Materials und als fast pulsierendes Meer von gefängnisartigen Metallgittern, hinter denen die Kreatur nur zu erahnen ist. 30.000 Schweine. Masse erzeugt Distanz, auch Ästhetik durch verschiedene Muster, die die Anordnung der Schweine im Raum ergibt. Das langsame Füllen der Fläche, die Berührung jedes einzelnen Objektes – Riegel arbeitet mit industriell gefertigten Plastikschweinen, die er im Raum anordnet und fotografiert – ist dabei einerseits Widerspiegelung der repetitiven Mechanisierung der Produktion im künstlerischen Prozess, aber auch Ausdruck des Respektes vor dem Lebendigen. Wie bei einem Satellitenbild zeigt Franz Riegel die Distanz, die sich in der Dissoziation des Produktes vom Tier ausdrückt. Dann wieder macht er diese Distanz mit den Mitteln der Pixelmalerei rückgängig, in dem er das individuelle Detail und die Übersicht zugleich zeigt. In diese Bilder wird man gleichsam hinein gesogen. Der Betrachter kann sich kaum orientieren. Wo ist oben wo unten? Welche Perspektive nehme ich ein, Fern- oder Nahakkomodation? Grauen und Bestürzung werden der Wahrnehmung durch Vervielfältigung als technische Massenproduktion mit den Mitteln digitaler Bildbearbeitung wieder hinzugefügt.

 

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Dreißig Tausend. Dies ist nur als industrialisierte Fabrikation denkbar.

Die Erfindung der Maschine macht gierig. Technik stellt her, was möglich ist. Effizienz abstrahiert von den Bedingungen ihrer Herstellung. In Riegels border lines sind diese Grenzbereiche sichtbar gemacht und treten gleich wieder zurück. Das Konkrete bleibt dem Abstrakten anhaften. Dieser künstlerische Integrationsversuch verschiedener Bewusstseinsebenen zeigt sich auch in der Hängung der kleinen Vignetten zu den großen: die Wunden treten als Scherenschnitt neben der Abstraktion hervor.

Seitlich hängen weitere kleine Formate. Mit schwarz-weißen klassischen Portraits von Industrieschweinen würdigt Franz Riegel diese als Individuen, als Lebewesen. Hier teilen sich differenzierte Emotionen mit. Diese Bilder setzen sich in Beziehung zur maschinellen Produktion und Vernichtung von Material. Daneben finden sich, ebenfalls als Serie gehängt, border lines: Grenzlinien, die aus der Ferne abstrakte Wirkung entfalten, aus der Nähe eine unendlich anmutende Reihung von Mauerelementen und fabrikähnlichen Bollwerken darstellen. Auch in diesen Arbeiten spielt Riegel auf der digitalen Klaviatur der Perspektiven.

Ein anderer Zyklus zeigt farbige Bilder einer Hausschlachtung.

Hier sind die Menschen wichtiger. Deren Haltung und Mimik drückt jeweils das Bemühen aus, es richtig und gut zu machen. Eindrucksvolle Menschenportraits, die einladen, sich den Akt näher anzusehen. Diese Bilder sind ästhetisch und zeigen doch, worum es geht: um das Töten mit dem Ziel des Genusses. Durch den Einsatz von Licht und Schatten hat er archaisch anmutende Szenen geschaffen, die wie durch eine Bühnenbeleuchtung aus der Dunkelheit heraustreten und in diese zurück fallen. Sie machen uns zu Zeugen vergessener Riten und vortechnischer Wirtschaftsweisen.