Fliehende Zeit


Bei seiner Ankunft auf seinem Hof in Mecklenburg-Vorpommern legte sich Franz Riegel auf einer übrig gebliebenen Betonfläche einen Spiegel zu Füßen, den er über Jahre den Elementen aussetzte. Den langsamen Prozess der Verwitterung, die Flüchtigkeit der Spiegelungen, die stetige Veränderung von Farbe, Konsistenz und Formenspiel dokumentierte er fotografisch und verarbeitete diese Fotografien später zu digitalen Bildern, die Zeit als Fluss steter Veränderung sichtbar machen.

 


Das Winterkamel im Spiegel

von Dr. Brigitte Arend

Franz Riegel erzählt von Eva, der Schlange, dem Paradies und dem Apfel. Er wartet, nicht sehr geduldig.
Auf den Kopf stellen müsste man es, sage ich nach einer Weile. Mich fröstelt. Das sind Schneefarben, teilweise schimmert das Braun der Erde durch, ein wenig angeschmuddelt. Ein Wechsel zwischen verwischten und herausplastizierten Konturen, kristallin und amorph. Unten im Bild schneit es. Während ich in das Schneegestöber hineingesogen werde, versuche ich, mich zu orientieren. Es ist sehr kalt, alles ist gefroren. Hinter den Schneeflocken zieht eine Fata Morgana vorbei, die Luftspiegelung eines Kamels. Dreh mal um, sage ich: Das Bild heißt „Winterkamel zieht durch die Atacamawüste“. Nach einer Weile der Versenkung in dieses Bild, während meine Gedanken in vergangenen Wintern herumspazierten und ich Eis schmeckte und fühlte, tauche ich wieder auf. Ich kann das Kamel nicht mehr sehen. Als sei es fortgezogen. Doch, dort weit, hinter dem Schneetreiben kann ich es noch erahnen.

Franz Riegel dreht sein Bild entschlossen wieder in die alte Position. Das Bild zeigt Eva mit der Schlange, lang und schmal wie die Schlange in meinem Kopf. Übrigens, bin ich tatsächlich auf einem Kamel durch die Wüste geritten, tagsüber sehnte ich mich manchmal nach Winter, sagt er.

Dieses Bild gehört zur Serie „Die Fliehende Zeit“, die seit 2005, nach seiner späten Umsiedelung – Franz Riegel ist 1951 in Altötting in Bayern geboren – in ein einsames, windumwehtes Gehöft der Mecklenburger Schweiz, entstand. Dort, in der Stille des menschenarmen Landes, unter ewig ziehenden Wolkenformationen und einer sich unendlich wölbenden Milchstraße dehnt sich die Zeit und wirft ihn auf sich selbst zurück. Zugleich wird in der Fülle der Lebenserinnerungen die Flüchtigkeit der Zeit deutlich.

Inspiriert durch das Gedicht „Unterwegs“*, in dem Wieland Herzfelde 1960 schrieb:

Manchmal
zerreißt
ein Blitz
die Wolkendecke
der
fliehenden
Zeit
und
sonderbar deutlich
leuchtet auf
in
der
Tiefe
was
Wirklichkeit war.

beginnt er, sich auch künstlerisch mit dem Thema Zeit zu beschäftigen. So legt er sich bei seiner Ankunft in seinem Hof auf einer übrig gebliebenen Betonfläche einen Spiegel zu Füßen, den er über Jahre den Elementen aussetzt. Den langsamen Prozess der Verwitterung, die Flüchtigkeit der Spiegelungen, die stetige Veränderung von Farbe, Konsistenz und Formenspiel dokumentiert er fotografisch und verarbeitet diese Fotografien später zu digitalen Bildern, die Zeit als Fluss steter Veränderung sichtbar machen.

Manchmal fühle ich mich hier, als sei ich der einzige Mensch auf der Welt, übrig geblieben, mit meiner kleinen Weisheit im großen Universum taumelnd. Dann schau ich besonders genau hin. Komm, ich muss dir noch die roten Läuse zeigen, die zwischen dem Silber im gespiegelten Wolkenblau herum kriechen. Schau, jetzt wird der Spiegel langsam von Lebewesen erobert, sagt Franz Riegel und zeigt mir bald darauf, zurück im Atelier, das von Reisefotos, Büchern, Notizen, überdimensionalen Kuhportraits, Merkzetteln, Fundstücken und Bildschirmen nur so überquillt, ein Bild, so blau und so rot und so tief, als tauchte ich vor den Riffs schwerelos durch die Fischschwärme immer tiefer hinein in das Wasser, Raum und Zeit hinter mir lassend.

Die Bilder dieser Serie sind durchscheinend. Je nachdem, auf welche Ebene das Auge akkommodiert, treten andere Strukturen und Farben zu Tage.

Wasser in der Wüste. Ich sehe gleichsam das Wasser unter dem Stein schimmern, bevor es in den Schluchten des Draa anschwillt zu einem Fluss, unter dessen Blau, indem sich das Tuch des Tuareg und der Himmel spiegeln, die Wüste hindurch scheint, bis er wieder versickert, wo die Kashbas stehen. Werden und vergehen.

Franz Riegel war immer unterwegs, vor allem auf Flüssen, in den entlegensten Gegenden der Welt, im Wildwasser. Fluss und Bewegung, Transparenz und Tiefe spiegeln sich in seinen Bildern

 

„und
sonderbar deutlich
leuchtet auf
in
der
Tiefe
was
Wirklichkeit war.

„Unterwegs“
* zitiert aus: Wieland Herzfelde, Blau und Rot. Gedichte. Inselverlag Leipzig, 1986, S.40