Es gibt kein richtiges Leben im falschen

In den Portraits von Museumspuppen aus der Serie Es gibt kein richtiges Leben im falschen spielt Franz Riegel mit dem Kontrast zwischen urbanen Gesichtern sowie Posen zeitgenössischer Schaufensterpuppen und den authentischen historischen Kleidern und Alltagsgegenständen. Es findet eine Verkehrung statt. Die Gesichter der Puppen wirken fast echt, weil wir sie von unzähligen Selbstinszenierungen und Selfies auf Instagram oder als Typen aus Glamourmagazinen kennen, während die alten Kleidungsstücke, etwa der Flüchtlingsfrauen nach dem 2. Weltkrieg, plötzlich wie falsche Requisiten erscheinen. Diese Fotografien können sowohl als Positionen zum Umsichgreifen von Entfremdung und Umdeutung von Geschichte wie als Hinweis auf emotionale Untiefen zeitgenössischer Selbstinszenierung im Netz gesehen werden.

Die Vision, sich selber in eine belesenere und kultiviertere Version jenes kernigen Landbewohners, jener entzückenden Landfrau zu verwandeln, die man am Ziel der eigenen Sehnsucht vermutet, spukt weiterhin durch die touristischen Bilderbögen vom Leben auf dem Lande.

Valentin Groebner: „Über den rücksichtslosen imaginären Landraub von Stadtbewohnern“
Magazin #31 der Kulturstiftung des Bundes 03.09.2018